Ringen um die bestmögliche Struktur

Pastoralteam, Mitglieder des Pastoralverbundsrates und Mitarbeiter des Erzbischöflichen Generalvikariates informierten in Würgassen über verschiedene Möglichkeiten der künftigen Verwaltungsstruktur des pastoralen Raums Dreiländereck-Beverungen. Würgassen. Im Jahr 2010 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „alternativlos“ zum Unwort des Jahres. „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe“1, kritisierte die Jury damals. Anders ausgedrückt: Wer behauptet, dass es zu etwas keine Alternativen gibt, will Dinge schnell entscheiden und hofft, einen längeren und schwierigen Prozess der Meinungsbildung vermeiden zu können. Das hat jedoch seinen Preis: „Behauptungen dieser Art (…) drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken“, warnte die Gesellschaft für deutsche Sprache.

Im neuen pastoralen Raum Dreiländereck-Beverungen diskutiert man derzeit über Alternativen, und das durchaus kontrovers. Die Alternativen betreffen die künftige Struktur des neuen pastoralen Raums und die Frage, wie seine zwölf Pfarreien zusammenarbeiten wollen: Nach dem bisherigen Modell des Pastoralverbunds, in dem alle Gemeinden selbstständig bleiben? Als eine einzige Gesamtpfarrei mit einer Vermögensverwaltung? Oder ist eine Zwischenlösung das beste Modell, bei der Pfarreien im weltlichen Rechtskreis zusammengeführt werden, kirchenrechtlich aber eine gewisse Selbstständigkeit bewahren? Eine schwierige Frage, um die Anfang März in der Würgassener Mehrzweckhalle leidenschaftlich gerungen wurde. Pfarrer Christof Hentschel, Leiter des Pastoralen Raums, hatte Vertreter der zwölf Gemeinden zu dieser Diskussion eingeladen. Über 150 Frauen und Männer folgten seiner Einladung.

Aus den 12 Pfarreien des neuen pastoralen Raums kamen zahlreiche Ehrenamtliche und diskutierten leidenschaftlich über die zur Verfügung stehenden Alternativen. Die Entscheidung, die man im Osten der Diözese jetzt treffen muss, steht früher oder später in fast allen 88 neuen pastoralen Räumen im Erzbistum Paderborn an. Die Leitung der Diözese setzt bei der Planung der künftigen Bistumsstrukturen im Rahmen der „Perspektive 2014“ gerade nicht auf „Alternativlosigkeit“, sondern gibt den pastoralen Räumen die Möglichkeit, selbst zwischen den genannten drei Modellen zu entscheiden. Vertreter der Bistumsleitung war in Würgassen Monsignore Andreas Kurte, Leiter der Zentralabteilung Pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat. Er unterstrich, dass der diözesane Prozess im Erzbistum Paderborn auf Dialog und den Konsens vor Ort angelegt sei und nicht eine einheitliche Struktur „von oben verordnet“ werde. Dies bedeute aber auch, dass man sich vor Ort früher oder später einigen und gegebenenfalls die Mehrheit über die Form der künftigen Zusammenarbeit entscheiden lassen müsse. Entscheidungshilfen gaben in Würgassen Fachleute aus dem Generalvikariat: Justitiar Marcus Baumann-Gretza, Leiter des Rechtsamtes, stellte die drei möglichen Modelle ausführlich vor. Raimund Eilebrecht aus der Hauptabteilung Finanzen informierte über die jeweiligen Auswirkungen der Modelle für die Vermögensverwaltung.

Im pastoralen Raum Dreiländereck-Beverungen haben sich Pastoralverbundsrat und Finanzausschuss im Rahmen einer Klausurtagung im Januar zunächst darauf verständigt, dass das am besten geeignete Modell die Gesamtpfarrei sein könnte. Für die derzeit noch zwölf Pfarreien hieße das, dass alle in einer Pfarrei aufgehen, dass es eine Vermögensverwaltung und damit einen Kirchenvorstand sowie einen Pfarrgemeinderat gibt. In Würgassen wurde nun deutlich, dass dies für manchen eine ungewohnte Vorstellung ist.

Für Unruhe sorgte zum Beispiel die Tatsache, dass nach dem Modell „Gesamtpfarrei“ keine Garantie besteht, Vertreter aus allen Orten in den Kirchenvorstand zu bekommen, da die Einrichtung von Wahlbezirken rechtlich nicht möglich ist. „Kleine Gemeinden gehen unter“, lautete ein Einwand, „Wer keine Rechte hat, hat auch keine Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren“, lautete ein anderer. „Das ist eine Frage des guten Umgangs miteinander“, hielten andere dagegen. Der Kirchenvorstand einer Gesamtpfarrei müsse sich darüber klar werden, wie er sich verstehe und wie eine Identität entstehe, in der sich der ganze pastorale Raum wieder finden könne. Marcus Baumann-Gretza erläuterte außerdem, dass ein Kirchenvorstand die Möglichkeit habe, Ortsausschüsse zu gründen, die dann allerdings nicht stimmberechtigt seien.

Monsignore Kurte verwies in diesem Kontext auf ein wichtiges Anliegen der Perspektive 2014: das Denken in Gemeindegrenzen zu überwinden und sich für ein „größeres Ganzes“ zu öffnen. „Wollen Sie weiter Ihren kleinen Vorgarten bearbeiten oder ein großes Feld?“ Mit dieser Frage brachte er auf den Punkt, welcher Blickwechsel notwendig ist, wenn das Experiment „Gesamtpfarrei“ gelingen soll.

„Wir haben jetzt die Chance, etwas für die Zukunft zu tun“, begründete Pfarrer Hentschel seine Option für die Gesamtpfarrei im pastoralen Raum Dreiländereck-Beverungen. „Wir können jetzt unsere Kräfte bündeln, damit wir in Zukunft agieren können und nicht reagieren müssen.“ Er lud Gremien und Verbände der zwölf Pfarreien ein, in den nächsten Wochen über die Alternativen der künftigen Zusammenarbeit zu diskutieren, damit sich bis Ostern ein erstes Stimmungsbild ergeben könne. Dann solle es eine zweite Diskussionsphase geben, die vor den Sommerferien zu einer Entscheidung führe.

Bis dahin wird in den zwölf Pfarreien viel diskutiert werden. Zu vermuten ist, dass am Ende trotzdem nicht alle zufrieden sind, wenn eine Entscheidung getroffen wird, denn wo Alternativen sind, dort sind und bleiben in der Regel auch verschiedene Meinungen. Hat die Gesellschaft für deutsche Sprache mit ihrer Kritik an dem Begriff „alternativlos“ aber Recht, vermag eine offene Auseinandersetzung wie die in der Mehrzweckhalle Würgassen vielleicht trotzdem eins verhindern: dass so etwas wie „Kirchenverdrossenheit“ entsteht. Allein die engagiert geführte Diskussion vieler Menschen um „ihre“ Kirche zeigt, dass allen eins gemeinsam ist: der Wunsch nach der besten aller möglichen Strukturen. Das ist eine gute Basis.

Dr. Claudia Nieser


Drei Optionen für die künftige Struktur | Hilfen zur Gestaltung der Jugendarbeit