Den Glauben neu zur Sprache bringen

Der Tag der Berufung des Dekanats Siegen wurde in der Krankenhauskapelle des St. Marien-Krankenhaus eröffnet. Rund 200 Menschen nahmen daran teil. Siegen. Viele haben ganz offensichtlich auf einen solchen Tag gewartet und sie wurden vom „Tag der Berufung“ im Dekanat Siegen nicht enttäuscht: In seiner Begrüßung der 200 Teilnehmenden nannte Dechant Werner Wegener am 2. Juni das Ziel der erstmals durchgeführten Veranstaltung: „Wir erleben alle in unseren Gemeinden und Pastoralverbünden, wie sich die Kirche im Umbruch befindet. Das Wichtigste auf dem Weg in die Zukunft ist es, den Glauben neu zur Sprache zu bringen!“

Der erstmals für Haupt- und Ehrenamtliche der katholischen Kirche durchgeführte Dekanatstag fand eine außergewöhnliche Resonanz: Rund 200 Aktive und an der Zukunft des christlichen Glaubens und der Kirche Interessierte hatten den Weg ins Siegener St. Marien-Krankenhaus gefunden. Jeder (Steh-)Platz in der Kapelle und im großen Hörsaal des Krankenhauses war besetzt.

Mit dem Kapuziner Bruder Paulus Terwitte aus Frankfurt hatte das Team des Dekanates Siegen einen aus den Medien bekannten Kirchenvertreter eingeladen, der provozierte und nachdenklich machte. Bruder Paulus plädierte dafür, sich seines Christseins neu bewusst zu werden und dies in einer befreiten Haltung zu leben und aktiv zu sein. Er lenkte in seinem Impulsvortrag den Blick konsequent auf die geistliche Wahrnehmung des Glaubens, dessen Fundament die Botschaft Jesu vom Reich Gottes und die Hinwendung der Glaubenden zu Gott sei. Der Ordensgeistliche wollte bei seinen Zuhörern eine „geistliche Entzündung“ verursachen, die auch andere ansteckt. Bruder Paulus selbst bezeichnete seine Arbeit und sein Leben als ein einziges Plädoyer für Jesus Christus, das gemeinsame Gebet, das Gespür für Heiligkeit und das offene, begeisternde Christentum.

Bruder Paulus Terwitte suchte den Kontakt und das Gespräch mit den Teilnehmern des Tages der Berufung. Durch den leidenschaftlichen Vortrag von Bruder Paulus breitete sich unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine intensive Nachdenklichkeit aus, gepaart mit einer gewissen Leichtigkeit. Dazu trug auch der von den Veranstaltern ausdrücklich betonte Ansatz bei, dass niemand mit einer neuen Aufgabe im Gepäck nach Hause musste: Es ging um persönliche Ermutigung und Stärkung.

Dazu trugen maßgebend die unterschiedlichen Angebote bei, die ganz persönlich und in Gruppen genutzt wurden: Bibelarbeiten, zum Teil mit biblischen Erzählfiguren, liturgischer Tanz und Angebote zum Singen mit neuen geistlichen Liedern sowie von Diskussionsrunden zum aktuellen Dialogprozess in der katholischen Kirche. Angenommen waren auch der Gebetsgarten in der St. Michael-Kirche und die persönliche Anbetung in der Krypta. Begeisterung erzeugten die musikalischen Beiträge mit Orgel und Klarinette in den Übergangszeiten des Tages.

Es war für alle Beteiligten ein Tag des Gesprächs, des Hinhörens, des Austauschs und der Neuorientierung. Der hohe Gesprächsbedarf war erkennbar, in allen Pausen standen immer wieder Menschen zusammen, die im Gespräch waren, die die „Kirchenbaustelle“ gestalteten, sich von der Kirchentagswand inspirieren ließen oder zwischendurch den Eine-Welt-Laden St. Michael besuchten.

Im Abschlussgottesdienst in der St. Michael-Kirche, den die Leiter der Pastoralverbünde im Dekanat Siegen mit den Teilnehmern feierten, wurden die unter der Regie von Johannes Weisgerber neu einstudierten Lieder gesungen. Pfarrer Martin Assauer, stellvertretender Dechant des Dekanates Siegen, stellte die biblische Person des Propheten Elija vor und zog viele Verbindungen zur heutigen Situation der Kirche: Auch heute gebe Gott genug zu essen, um seinen Weg als Christ mit Mut und Freude zu gehen, so Pfarrer Assauer.

Dass es solche Tage der Besinnung und Orientierung häufiger geben sollte, konnte aus manchen Gesprächen entnommen werden. Das Dekanat Siegen wird die Erfahrungen und Themen in den laufenden Entwicklungsprozess der Perspektive 2014 im Erzbistum Paderborn einbringen und überlegen, welche Anstöße die katholische Kirche im Siegerland umsetzen kann.       

Text und Bilder: Dekanat Siegen

        

Bruder Paulus Terwitte, Kapuziner aus Frankfurt, beim Vortrag „Steh auf und wandle dich“. Vortrag von Bruder Paulus beim Dekanatstag Berufung am 2.6.2012 in Siegen  

Stichworte von Raphaele Voß und Wolfgang Hesse  

Bruder Paulus Terwitte lenkt den Blick in seinem Vortrag konsequent auf geistliche Wahrnehmung des Glaubens, dessen Fundament die Botschaft Jesu vom Reich Gottes und die Hinwendung der Glaubenden zu Gott ist.  

Er will mit seinem Vortrag eine „geistliche Entzündung“ verursachen bei seinen Zuhörern, die damit wieder andere anstecken.  

Jesus als Fundament ist die Basis für unterschiedliche Berufungen zur Nachfolge und für den Weg zum Vater. Jesus wird von Gott, der Energie des Himmels, aus der Tiefe erweckt. Jesus als Wurzel trägt unsichtbar drei „Äste“ mit Glaube, Liebe und Taufe, die wie ein Hoffnungslaub oder wie ein Baldachin auf dem Fundament wachsen.  

Die Berufung der Christen ist es, Frucht zu bringen.  

Bruder Paulus ist radikal  

Jede Kirche ist abzureißen, in der nicht wenigstens an jedem Tag Menschen zum Gebet zusammenkommen. Die Kirche pflegt keine toten Steine, sondern glaubt an den lebendigen Gott. Schon zwei Menschen können den Gebetsdienst übernehmen, zünden eine Kerze an und sind im Gotteshaus als „ich bin da – er ist da“ präsent.  

So sind in jeder Gemeinde verlässliche Orte und Zeiten wichtig für Gebet und Gottesdienst. Nicht der Organisations-Wahnsinn in großen Pastoralen Räumen und Verbünden mit ständig wechselnden Zeiten und Orten ist entscheidend, nur weil so ein Priester effizient eingesetzt werden kann. Da, wo keine Eucharistiefeier stattfinden kann, sind es Gebetszeiten, die von gutwilligen Menschen gestaltet werden.  

Kirchen sind wichtige Orte der Sammlung und verdienen ein Verständnis für Heiligkeit. Ehrfurcht und Besinnlichkeit finden hier ihren Platz und nicht die laute Begegnung.

Doch wohlgemerkt, die Christenheit kennt keinen besonderen und herausgehobenen heiligen Ort. Jeder Ort, an dem sich zwei oder drei in Jesu Namen versammeln, ist ein heiliger Ort.

Und wenn Kirchen heilige Orte des gemeinsamen christlichen Lebens sind, dann sollte dort auch der Abschied von den Toten stattfinden. Wenn jemand in seinem Leben dort gebetet und Gottesdienst gefeiert hat, dann sollte er nicht in einer säkularen Totenhalle verabschiedet werden. Die Aufbahrung der Toten gehört in die Kirche.

Unsere Zeitrechnung für das Jahr 2012 nach Christus ist für Bruder Paulus verkehrt formuliert: Es ist das Jahr 2012 mit Christus.  

In Kirche und Gesellschaft von heute zählt die Quote. Doch die Kirche betreibt keine Zählsorge, sondern Seelsorge. Die Botschaft Jesu beruht nicht auf Zahlen, sondern auf der Annahme im Herzen des Einzelnen. Somit ist Glaube nie ein wirkliches Massenphänomen. Christen waren eigentlich immer in der Minderheit, ein Berufener ist wichtiger als 300, die beim Glauben innerlich unbeteiligt zuschauen.    

Gedankensplitter zum Thema Berufung

Der Glaube und die Entscheidung zum Glauben ist eine Freiheitsentscheidung. So ist die Freiheit in der Kirche angekommen. So ist die Taufe ein Freiheitssakrament. Glaubender ist, wer sich frei für Gott und die Nachfolge Jesu entscheidet. Wenn alle zur Kirche gingen, wäre dies doch ein Zeichen von Unfreiheit. Niemand muss – aber alle sind eingeladen. Es ist wie mit seiner Großmutter, so Paulus, die früher die Arme ausbreitete und ihm zurief: „Wer kommt in meine Arme?“. Das ist eine fragende Einladung – keine anordnende.  

Gott erwählt zum Leben. Wir können kein Leben machen – Leben ist keine Sache des Machens, sondern Gott erwählt. Das steht unseren Machbarkeitsvorstellungen entgegen.   Gott beruft zum Glauben. Diese Berufung ist Gottes Geschenk. Er beruft nicht jeden, sondern die Menschen, die er mit der Berufung beschenken will.   Gott beruft zum Glauben. Berufung ist keine Berufung zur Kirche, sondern immer Berufung zum Glauben.  

Die Frage, was bringt mir der Glaube, ist eine unberechtigte Frage. Es bringt nichts – auch die Liebe will nichts bringen. Gott ist da – ich bin da, das ist genug.  

Das Mehr des Glaubens ist nicht die gelebte Barmherzigkeit, das können auch andere. Die gelebte Nächstenliebe und die Option für die Armen ist notwendig, aber Glaube will mehr: Ewiges Leben, Vergebung und Versöhnung.    

Lebendige Seelsorge – lebendige Kirche  

Seelsorgegespräche aus welchem Anlass auch immer, sind Entstressungsgespräche und nicht belastend.  

Ein Brotmuseum ist wirklich Quatsch – Brot ist zum Essen da! Genau so ist eine Kirche nicht zur Besichtigung da – sie ist zum Beten da!  

Die Hälfte der Zeit verbrauchen wir in der Kirche für Aufgaben, weil es schon immer so war. So wird beim Kirchweihfest auch noch die letzte rüstige Oma aus dem Altenheim geholt, weil schon immer Waffeln gebacken wurden. Nur finden sich von den Jüngeren keine freiwilligen Bäckerinnen und Bäcker. Aber muss denn sein, was immer war?

Tun wir doch das, was Spaß macht. Wir wollen uns nicht mit den falschen und langweiligen Sachen beschäftigen, sondern mit denen, die unseren Charismen entsprechen. Die Kirche als Gemeinschaft muss charismenorientiert sein. Franziskanisch heißt das: Leben und Glauben ist immer Abbruch und Aufbruch, Altes lassen, zu Neuem aufbrechen!  

Machen wir doch Jesusschulen auf und erzählen von Jesus. Laden wir uns gegenseitig ein, um über Jesus zu sprechen, mit ihm zu beten. Denken wir über Gemeinde- und Gruppengrenzen hinweg und bitten die Christen aus anderen Orten um Hilfe, z. B. auch bei der Vorbereitung auf den Empfang der Firmung.  

Bringen wir doch das gemeinsame Gebet zum Tragen.

Wieso nicht mal eine Geburtstagsfeier mit einer Schriftlesung beginnen?

Wer meint, das sei verrückt, hat Recht.

Arbeitnehmer dürfen widerspruchslos je Arbeitsstunde für eine fünf-minütige Raucherpause die Arbeit verlassen. Würde der Arbeitnehmer aber fordern, jede Stunde für fünf Minuten zu unterbrechen, um zu beten, wäre die Einweisung in die Psychiatrie nicht fern.  

Bruder Paulus selbst bezeichnet seinen Vortrag, seine Wortmeldungen, seine Arbeit als ein Plädoyer für  

       Jesus Christus

       das gemeinsam Gebet

       das Gespür für Heiligkeit

       das offene, begeisternde Christentum.  

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