Ideen für eine offene Kirche

30 Haupt- und Ehrenamtliche sprachen über die Zukunft der Seelsorge im Pastoralen Raum Bielefeld-Süd. Bielefeld. Ein „Klausurtagung“ ist naturgemäß eine geschlossene Veranstaltung. Dies galt auch für den Klausurtag im Pastoralen Raum Bielefeld-Süd, zu dem in Bielefeld-Brackwede rund 30 Haupt- und Ehrenamtliche zusammenkamen. Thema dieser geschlossenen Veranstaltung war jedoch vor allem die Frage, wie Kirche sich öffnen kann: auf Menschen hin, denen es schwer fällt, in größeren Räumen eine kirchliche Heimat zu finden; auf Menschen hin, die Kirche fern stehen oder Hilfe brauchen. Auf dem Klausurtag informierten sich die Frauen und Männer gegenseitig über die derzeitige Lage vor Ort und berieten darüber, welchen Herausforderungen sich die katholische Kirche in Brackwede, Ummeln, Senne und Sennestadt gegenübersieht.

Im Jahr 2011 haben sich die Pastoralverbünde Brackwede-Quelle-Ummeln und Senne auf den Weg zum Pastoralen Raum Bielefeld-Süd gemacht. „Jetzt wurde es Zeit, dass sich diejenigen, die an der Entwicklung maßgeblich beteiligt sind, auf einen gemeinsamen Stand bringen und auf dieser Basis überlegen, wie bei uns zukunftsfähige Seelsorge gelingen kann“, beschrieb Pfarrer Hubert Maus, Leiter des Pastoralen Raums, den Anlass des Klausurtags. Schon die Wahl des Veranstaltungsortes verriet Entschlossenheit, neues Terrain zu betreten: Man traf sich nicht in einem Pfarrheim, sondern in den „neutralen“ Räumen der Firma Schneider, einem Brackweder Familienbetrieb, deren Chefin Bernhardine Schneider Vorsitzende des Pfarrgemeinderates von Herz Jesu in Brackwede ist. „In diesen Räumen sind wir alle gleichermaßen zu Gast“, so Pfarrer Maus.

Richard Knoke (rechts), Mitglied der Steuerungsgruppe, gab einen Überblick über die Angebote im Pastoralen Raum. Der Kreis der Teilnehmer setzte sich aus dem Pastoralteam und der Steuerungsgruppe des Pastoralen Raums, Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und Geschäftsführern von Kirchenvorständen, Mitgliedern verschiedener Arbeitsgruppen, Beratern sowie dem vom Gemeindeverband abgestellten Außendienstmitarbeiter Ralf Stewing zusammen. Dieser präsentierte zu Beginn der Tagung gemeinsam mit Dekanatsreferent Peter Pütz (Dekanat Bielefeld-Lippe) Daten zur gesellschaftlichen Lage in den Kommunen des Bielefelder Südens. Die Zuhörer erfuhren, dass nach Auskunft der Sinus-Milieustudie Kirchenbesucher und kirchlich Engagierte nur in wenigen gesellschaftlichen Milieus zu finden sind. Sie erfuhren auch, dass die Arbeitslosigkeit und das Armutsrisiko in ihre Gemeinden im Vergleich zum Bundesdurchschnitt recht hoch sind.

Diese Situationsbeschreibung ließ die Frage aufkommen, wie offen Kirche eigentlich sei und wie es gelingen könne, auch „kirchenfremde“ Milieus zu erreichen. „Von außen betrachtet erscheint Kirche als eine geschlossene Gruppe, in die man nur schwer hineinkommt“, lautete die Vermutung. Die Tendenz, „unter sich“ zu bleiben, sei aber gerade mit Blick auf das Thema Armut besonders zu hinterfragen: Menschen, die Solidarität und Hilfe bräuchten, seien in den Gemeinden häufig nicht präsent. Gerade sie dürften aber nicht vergessen werden.

Richard Knoke, Mitglied der Steuerungsgruppe, gab einen Überblick über die gut 150 Angebote im Pastoralen Raum, die mit Hilfe eines Fragebogens gesammelt worden waren. Die Umfrage habe ergeben, dass die Teilnehmerzahl bei über der Hälfte der Angebote konstant bleibe, bei manchen sei sogar eine steigende Tendenz zu beobachten. Außerdem würden gut zwei Drittel der Angebote ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Die Umfrage habe aber auch Verlusterfahrungen und -ängste deutlich werden lassen: Der Abriss der Kirche St. Johannes Windflöte im Jahr 2008 sei bei vielen Menschen noch eine offene Wunde. Manche Gruppen hätten auch deutlich gemacht, dass sie geschlossen bleiben wollten und keine neuen Mitglieder wünschten.

Die Teilnehmer äußerten Verständnis für die Verbundenheit vieler Gläubiger zu ihrem jeweiligen Ort und ihren jeweiligen Gruppen. Ziel des Pastoralen Raums könne es nicht sein, bestehende Netze zu zerreißen. Die geäußerten Verlustängste machten deutlich, dass die Entwicklung im Pastoralen Raum gut kommuniziert werden müsse: „Die Weiterentwicklung darf kein Prozess sein, der von einer ‚Elite’ betrieben wird und die Mehrheit auf der Strecke zurücklässt“, hielten die Frauen und Männer fest.

Am Nachmittag stellten vier verschiedene Arbeitsgruppen erste Überlegungen vor (im Bild v.r. Pastor Joachim Köhler, Ralf Stewing, Außendienstmitarbeiter aus dem Gemeindeverband, Michael Auweiler, Mitglied der Steuerungsgruppe). Konkret wurde es dann am Nachmittag: Arbeitsgruppen, die sich mit jeweils einem der vier Perspektivbereiche zur „Pastoral der Berufung“ auseinandergesetzt hatten, stellten Ergebnisse ihrer Überlegungen vor. Die AG „Taufberufung fördern“ verwies auf bereits funktionierende Konzepte in der Erstkommunion- und Firmvorbereitung und regte an, neben Traugesprächen auch Hilfestellungen bei scheiternden Beziehungen anzubieten. Als weitere Idee stellten die AG-Mitglieder eine dauerhafte Begleitung junger Familien vor, um die „leere“ Zeit zwischen Taufe und Erstkommunion zu füllen. Die Teilnehmer des Klausurtages werteten dies als Möglichkeit, sich auf „kirchenferne“ Milieus hin zu öffnen.

Die Arbeitsgruppe „Pastorale Orte und Gelegenheiten“ berichtete von dem erfolgreichen Projekt „Segensmobil“: Seit einigen Monaten sei Pastor Herbert Bittis mit einem Bully auf öffentlichen Plätzen im Bielefelder Süden präsent, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein unverbindliches Gesprächsangebot zu machen. Als weitere Idee präsentierte die Arbeitsgruppe das „Jugendkloster St. Michael“, das jungen Leuten Raum für spirituelle Erfahrung bieten solle. Zwei mögliche neue Projekte nannte die Arbeitsgruppe „Caritas und Weltverantwortung“: ein Gottesdienst-Angebot für Trauernde in Zusammenarbeit mit dem Hospiz Bielefeld-Süd sowie einen Friedhofsfahrdienst.

Gleich mehrere Ziele formulierte die Arbeitsgruppe „Ehrenamt“: Nötig sei eine bessere Vernetzung unter den Ehrenamtlichen im Pastoralen Raum, damit die Kräfte besser gebündelt werden könnten. Ein erster Schritt könne die Herstellung eines Organigramms aller ehrenamtlichen Initiativen sein, das den Kirchengemeinden als Schautafel zur Verfügung gestellt werden könne. Die Arbeitsgruppe regte auch die Einrichtung einer „Personenbörse“ im Internet an, über die Menschen kontaktiert werden können, die sich punktuell engagieren wollen. Die Arbeitsgruppe plädierte auch für eine klare Perspektive der Weiterentwicklung im Pastoralen Raum. Dazu solle benannt werden, welches Engagement „lebensnotwendig“ und welches Engagement „Luxus“ sei. Die AG-Mitglieder stellten auch die Frage, ob sich Engagement nur nach eigenen Interessen richten dürfe oder ob es nicht auch die Verantwortung gebe, kirchliche „Kernbereiche“ zu besetzen.

Am Ende der Tagung stand die Frage nach der künftigen Struktur des Pastoralen Raums Bielefeld-Süd: Sollen die Pfarrgemeinden weiter in der Struktur eines Pastoralverbundes weiterarbeiten oder soll aus den fünf Gemeinden eine Gesamtpfarrei werden? Pfarrer Maus informierte darüber, dass es bereits Gespräche mit allen Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen gegeben habe: Zehn von acht Gremien hätten sich für das Modell „Gesamtpfarrei“ ausgesprochen. Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Klausurtagung befürworteten dieses Modell. Sie verließen die Tagung mit dem Gefühl, künftig bestens informiert auf Fragen nach der Weiterentwicklung der katholischen Kirche in Bielefeld antworten zu können.

Dr. Claudia Nieser

Drei Optionen für die künftige Struktur | Hilfen zur Gestaltung der Jugendarbeit