„Du bist jetzt Christ! Mach was draus!“

Foto: wolfhart püschmann/Pixelio.de„Zurück zur Quelle. Aus der Taufe leben und glauben“ heißt der Titel der neuen „Exerzitien im Alltag“, die das Erzbistum Paderborn im Jahr 2012 herausgibt. Damit greifen die neuen Exerzitien ein zentrales Anliegen der „Perspektive 2014“ auf: die Förderung des Gedankens von der Berufung aller Getauften. Wir haben mit Dr. Annegret Meyer, Leiterin des Exerzitienreferats im Erzbistum Paderborn, über die neuen „Exerzitien im Alltag“ gesprochen.

Die neuen „Exerzitien im Alltag“ laden alle Gläubigen dazu ein, sich neu oder erstmals bewusst der eigenen Taufberufung zu stellen. Was genau ist unter „Taufberufung“ zu verstehen?

Dr. Annegret Meyer: Darüber kann man sicher lange nachdenken und diskutieren. Zunächst einmal wird mit der Taufe eines Menschen ein Startsignal gesetzt: Du bist jetzt Christ/in! Und dieses Christ-Sein bedeutet von der Grundidee immer schon die „berufende“ Herausforderung: Mach was draus! Das klingt banal und bekannt, ist aber nicht selbstverständlich. Die meisten von uns sind als Kinder getauft worden, viele sind dann in die normalen Vollzüge einer Gemeinde hineingewachsen – Kindergottesdienste, Erstkommunionvorbereitung, Firmung, Jugendarbeit, Pfarrgemeinderat, Familienkreise usw. Das bedeutet aber nicht notwendig, sich auch mit der eigenen Berufung, die aus der Taufe kommt, auseinandergesetzt zu haben. Also: nicht nur zu fragen, was finde ich in einer katholischen Gemeinde, was mir hilft und gut tut, sondern auch: was kann ich aktiv einbringen in meiner Gemeinde?Und was kann „Taufberufung“ bedeuten für die vielen getauften Christen, die bislang keinen Anschluss an Gemeinden vor Ort gesucht und gefunden haben – aber vielleicht doch eine innere Sehnsucht spüren nach „Mehr“, nach „Gott“ in ihrem Leben? Das ist mehr und mehr eine Herausforderung an Gemeinden, in denen sich momentan so viel verändert!

pdp: Wie können Exerzitien das Bewusstsein von der „Berufung durch die Taufe“ einüben?

Dr. Annegret Meyer: Unsere Materialien versuchen das auf verschiedenen Ebenen: Zum einen gehen die Grundthemen der Wochen den konkreten Ritus der Taufe entlang, so dass allein vom liturgischen Ablauf her noch einmal wichtige Schritte nachvollzogen werden können. Dann gibt es für jede Woche einen konkreten „Tipp“, der mit der eigenen Tauf-Erinnerung zu tun hat, sei es die Anregung zum Besuch der eigenen Taufkirche, den neuen Kontakt zum Taufpaten oder zur/zum Namenspatron/in.

Am wichtigsten aber ist die intensive Auseinandersetzung mit den Kernfragen des christlichen Glaubens, die im Taufritus enthalten sind, also der Schritt vom Ritual zur Lebenserfahrung: Wie kann ich die Zusage „Du bist mein geliebtes Kind“ und „Du gehörst für immer Christus an“ in meinem Leben hinterfragen und erfahren?

Wer sich auf diesen Weg einlässt, geht verändert aus den „Exerzitien im Alltag“ heraus. 

pdp: Welche Auswirkungen könnte die geistliche Besinnung auf die Taufberufung auf die Praxis in den Gemeinden, Pastoralverbünden und neuen pastoralen Räumen haben?

Dr. Annegret Meyer: Wie schon erwähnt kann die Entdeckung der Taufberufung eine neue Hinwendung zum Einzelnen bedeuten. Also: Weg von der flächendeckenden „Versorgung“ mit gewohnten Ritualen und hin zum konkreten Menschen. „Wer lebt bei uns in der Gemeinde? Welche Fähigkeiten und Möglichkeiten sind den Menschen gegeben? Welche Aufgaben ergeben sich daraus für die Pastoral vor Ort?“ Das wären Anregungen aus der „Taufberufungs-Perspektive“ für Hauptamtliche und ehrenamtlich Engagierte in den Räten und Gremien. Und wie schon gesagt bedeutet die neue Blickrichtung für den Einzelnen: „Wie und wo kann ich mich mit meinen Bedürfnissen und Talenten einbringen ins Gemeindeleben?“

Wenn man das ausbuchstabiert, kann das viel Selbstbewusstsein bei den Gläubigen fördern – bis hin zu eigenen Initiativen im liturgischen und gottesdienstlichen Bereich. Darauf geht insbesondere die 4. Woche der Exerzitien ein.

Welche Rolle spielt das Thema „Exerzitien“ überhaupt im Rahmen der Perspektive 2014?

Dr. Annegret Meyer: Es heißt in den zentralen Papieren und Stellungnahmen, dass die Entwicklung der Perspektive 2014 für das Erzbistum Paderborn ein „geistlicher Prozess“ sein soll. Wenn dem so ist, sind Exerzitien bzw. die Haltung, die dahinter steckt, ganz wesentlich.. Die Haltung bedeutet ja, egal an welcher Stelle: ob in Sitzungen, bei Konzeptüberlegungen oder in Aus- und Fortbildung jeglicher Art, geistliche Elemente nicht nur als Dekoration einzusetzen, die einen „schönen“ oder gewohnten Rahmen schaffen. Es geht vielmehr darum, sie als tragendes Fundament wahrzunehmen.

Das ist immer wieder eine Herausforderung – und gerade die Form der Exerzitien ermöglicht durch ihre Struktur (kleine Häppchen im Alltag einzubauen, mit vielen wiederholenden Elementen), einen langen Atem und eine nachhaltige Veränderung der Lebens- und Glaubenskultur einzuüben.