Gott an neuen Orten entdecken

(v.l.) Petra Stadler, Pastor Markus Menke, Silke Otte und Direktor Stefan Tausch sind gespannt auf die Frauen und Männer, die sich zu "spirituellen Grenz- und Draufgängern" ausbilden lassen wollen. Winterberg. Wer das Jahresprogramm 2013 der Bildungsstätte St. Bonifatius in Winterberg-Elkeringhausen durchblättert, stößt dort auf einen Begriff, der, so ist zu vermuten, bei vielen Aufmerksamkeit erregen wird: Von „spirituellen Grenz- und/oder Draufgängern“ ist auf Seite 108 die Rede. Die Überraschung steigert sich möglicherweise, wenn man beim Weiterlesen feststellt, dass man in Elkeringhausen diesen Menschenschlag nicht nur kennen lernen, sondern selbst zu einem solchen „spirituellen Grenz- und/oder Draufgänger“ ausgebildet werden kann. Die neu konzipierte Ausbildung soll die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Begleitung von Menschen befähigen, die, ganz allgemein gesprochen, auf der Suche sind: nach Tiefe, nach dem gewissen „Mehr“ im Leben, nach Lebenswegen jenseits des Mainstreams. Weil es für diese Begleitung keine festen Rezepte, keine ausgeklügelten Methoden gibt, müssen sie offen und experimentierfreudig sein, oder, mit anderen Worten, „draufgängerisch“.

Einen Einführungstag und vier Wochenkurse in den kommenden beiden Jahren müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einplanen. Markus Menke, Silke Otte, Petra Stadler und Stefan Tausch, die die Ausbildung gemeinsam leiten, freuen sich ab sofort auf zahlreiche Anmeldungen. Dass sie selbst „draufgängerisch“ sein müssen, um „Draufgänger“ auszubilden, ist den beiden Frauen und Männern des Leitungsteams klar: „Unser Kurs ist auch für uns ein Experiment“, so Pastor Stefan Tausch, Direktor der Bildungsstätte. Da passt es, dass die Idee beim Wandern in der Natur des Sauerlandes entstanden ist: „Der Gedanke für einen solchen Kurs kam uns erstmals beim Spazierengehen, beim freien Assoziieren“. Am Anfang stand also Bewegung, und Beweglichkeit wird, geht es nach den Veranstaltern, prägendes Kennzeichen des Kurses bleiben.

Das beginnt schon bei der Zielgruppe, die durch das neue Angebot angesprochen werden soll: „Frauen und Männer, die sich anmelden, sollten das Bedürfnis mitbringen, ihren Horizont zu erweitern, sollten Lust daran haben, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entdecken“, so Silke Otte, stellvertretende Leiterin der Bildungsstätte. „Voraussetzung ist natürlich auch die Bereitschaft, Glaubensthemen in der Gruppe anzugehen, sich mit der Gottesfrage konfrontieren zu lassen und auch, anderen den eigenen Glauben anzubieten.“ Die Ausbildung richte sich damit nicht nur an kirchliche Mitarbeiter oder kirchlich Engagierte, sondern an alle, die bereit seien, sich mit ihrem Leben und Glauben auseinanderzusetzen, und ihre Spiritualität in ihrem jeweiligen Lebensumfeld wirksam werden zu lassen. Auf welche Weise und wo das geschehe, sei völlig offen. „Es muss nicht unbedingt das Pfarrheim sein“, so Silke Otte.

Der Kurs ist mit einer Bibelstelle aus dem Buch Genesis überschrieben: „Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht“(Gen 28, 16b). Für mögliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist das ein Hinweis darauf, dass sie im Rahmen der Ausbildung Wege einschlagen und Orte aufsuchen werden, die man nach „klassischem“ Verständnis (noch) nicht mit einer geistlichen Ausbildung verbindet. „Bei unserer Ausbildung gehen wir davon aus, dass es keine Trennung zwischen ‚der Welt’ und ‚dem Sakralen’ gibt, sondern dass Gott überall gegenwärtig sein kann, auch an solchen Orten, an denen man nicht mit ihm rechnet“, so Pastor Markus Menke aus Dortmund. „Für eben solche Orte wollen wir unsere Teilnehmer sensibilisieren“.

Das Programm der einzelnen Kurswochen steht noch nicht ganz fest. „Sicher ist aber, dass wir mit ganz unterschiedlichen Elementen arbeiten“, so Petra Stadler. „Es wird immer Input durch einen Referenten geben, Exkursionen und natürlich auch Praxiselemente. Am Ende jeder Woche werden mit den Teilnehmern persönliche Ziele vereinbart, die bis zur nächsten Woche angegangen oder verwirklicht werden sollen.“ Eine große Rolle würden auch Zeiten der Stille sowie die Heilige Schrift spielen: Biblische Figuren wie David, Petrus oder Paulus könnten als Leitfiguren dienen, wenn man nach Wegen suche, aus dem Glauben heraus „draufgängerisch“ zu sein.

Für das vierköpfige Leitungsteam ist die neue Ausbildung von spirituellen „Grenz- und/oder Draufgängern“ auch eine Form, die „Pastoral der Berufung“ im Erzbistum Paderborn ernst zu nehmen, weil hier Männer und Frauen befähigt werden, über ihren Glauben Auskunft zu geben und vor Ort in geeigneter Weise zu wirken. Nicht zuletzt deshalb wird der Kurs als innovatives Projekt vom Erzbistum Paderborn gefördert.

Dr. Claudia Nieser