"Wir verstehen uns als Anwälte der Kinder"

Jutta Finke und Eva Müseler (v.l.) zeigen den Flyer, der Familien schnell und unkompliziert Hilfe vermitteln soll. Schwaney. Kindheitsarmut gehört zu den größten, zugleich aber auch wichtigsten Problemen, mit denen Erzieherinnen konfrontiert werden. Das Katholische Familienzentrum St. Johannes Baptist in Schwaney hat sich dieses drängende Thema zur Aufgabe gemacht. Daraus entstanden ist das bislang wohl einzigartige Netzwerk "Kindheitsarmut & Armut". Sichtbar wird es vor allem in einem mehrseitigen Flyer, in dem alle wichtigen Ansprechpartner, die bei diesem Thema mit Rat und Tat zur Seite stehen können, aufgeführt sind. Er soll ratsuchenden Eltern, aber auch Erzieherinnen schnelle und direkte Hilfe bieten. Das Erzbistum Paderborn hat das Projekt über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.

Jutta Finke arbeitet seit zwanzig Jahren in der Schwaneyer Kindertageseinrichtung, seit zehn ist sie deren Leiterin. "In dieser Zeit hat man es natürlich des öfteren mit sozial schwachen Familien zu tun", sagt die 49-Jährige. Oft erkenne man aber gar nicht auf den ersten Blick, dass jemand "arm" sei. "Doch dann erhält man Wechselklamotten nicht zurück, das Essensgeld wird nicht bezahlt oder die Brotdose ist ständig schimmelig", kennt Finke die Anzeichen ganz genau. Dann gehe es darum, mit den Eltern des Kindes "sensibel und unkompliziert" ins Gespräch zu kommen. Das Ziel sei nicht, die Familien zu ändern. "Aber wir verstehen uns als Anwälte der Kinder", betont die Leiterin.

Das 14-köpfige Team des Familienzentrums St. Johannes Baptist in Schwaney hat sich das Thema Kindheitsarmut zur Aufgabe gemacht. Foto: Familienzentrum Schwaney Wenn dann in einer vertraulichen Unterhaltung mit den Eltern deren Probleme zu Sprache kommen, wollte sie diesen gerne Anlaufstellen wie beispielsweise die Tafel oder die Schuldnerberatung der Caritas nennen – alles Kooperationspartner der Einrichtung, die seit 2009 offiziell zertifiziertes Familienzentrum ist. "Doch die Adressen hatte man dann meistens nicht parat und musste sie erst wieder heraussuchen." "Arbeitserleichterung" sei daher der erste Anstoß für das Projekt gewesen. Tatsächlich kam sie dadurch auf die Idee, alle wichtigen Ansprechpartner zu bündeln, um somit eine geeignete Handreichung für betroffene Familien, aber auch Erzieherinnen zu haben.

In der Lenkungsgruppe des Familienzentrums brachte sie den Vorschlag eines Flyers ein. Die entsprechenden Institutionen wurden eingeladen und in mehreren Sitzungen der Flyer erarbeitet. "Dabei entstand auch ein ganz spezielles Netzwerk für die Gemeinde Altenbeken, das, soweit ich weiß, im ganzen Kreisgebiet einmalig ist." Das Projekt sei deshalb auch ein positives Zeichen der Unterstützung für den Pastoralverbund Egge (Altenbeken, Buke und Schwaney).

Einziger Knackpunkt war der Preis: "2.500 Euro sollte unsere geplante Auflage von 1.000 Stück kosten", erinnert sich Finke, "ganz schön teuer." Doch dann hörte sie von einer neuen Form der Unterstützung durch das Erzbistum, das innovative Projekte in Pfarreien, Pastoralverbünden und kirchlichen Einrichtungen über einen speziellen Fonds fördert. "Schon bald nach der Antragstellung wurde die Förderung genehmigt", freut sich die Antreiberin des Netzwerkes.

Blick ins Innere: In dem mehrseitigen Flyer sind alle wichtigen Ansprechpartner, die beim Thema "Kindheitsarmut & Armut" mit Rat und Tat zur Seite stehen können, tabellarisch aufgeführt. Seit Ende April befindet sich der Flyer nun im Umlauf. Er enthält tabellarische Angaben zu den Themen, Ansprechpartner, Uhrzeiten, Adressen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen folgender Kooperationspartner: Jobcenter Paderborn, Kreisjugendamt/Allgemeiner Sozialer Dienst, Caritasverband Paderborn, DRK Altenbeken (Kleiderkammer, Familienerholung etc.), IN VIA Paderborn, Paderborner Tafel, Sozialamt sowie dem Familienzentrum selbst.

"Im Gegensatz zu den großen Büchern von Gemeinde oder Stadt, in denen alle möglichen Kontakte aufgeführt sind, betrifft unser Flyer einzig und allein das Thema Armut", betont Erzieherin Eva Müseler, die ebenfalls daran mitgewirkt hat. Sie weiß: "Sich selbst etwas aus einem dicken Wälzer heraussuchen zu müssen, überfordert diese Familien. Und von der Gemeinde holen sie sich nichts." Aber wenn sie im Familienzentrum etwas sehen oder bekommen, dann würden sie es mitnehmen, sagt die 40-Jährige, der das Thema ein besonders Anliegen ist. Denn Armut bedeute für die betroffenen Kinder oft zusätzliche Isolation und Ausgrenzung, einfach weil sie vielleicht durch schmutzige Kleidung oder Körpergeruch auffallen würden. "Was wir in unserer Einrichtung dagegen tun können, das machen wir", verweist Eva Müsele daher auf einen der Leitsätze des Familienzentrums: "Bei uns sind alle gleich!" Die Erzieherinnen würden stets darauf achten, arme Kinder zu integrieren und sich besonders um sie zu kümmern.

Hilfen, die darüber hinaus gehen, vermittelt nun der Flyer, der den Eltern meist dezent zugesteckt wird. Im Innern findet sich auch ein Teamfoto des Familienzentrums: "Das ist dann ein guter Anlass, den Flyer zu zeigen", lächelt Jutta Finke. Sie und ihre Kollegin hoffen, dass sich die Familien dann das für sie nötige "rausziehen" können. Und sie haben einen kleinen Traum: "Wir würden uns sehr freuen, wenn dieses Netzwerk Schule macht", sagen die beiden Frauen. Die Chancen stehen dafür nicht schlecht, schließlich hat der Flyer auf Dienstbesprechungen und Fortbildungen schon für einigen Aufsehen gesorgt: Interessierte Erzieherinnen haben ihn unter anderem schon mit nach Paderborn, Hamm, Hagen und Hamburg genommen.

Text und Fotos: Birger Berbüsse

Diese Aktion wurde vom Erzbistum Paderborn über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.