„Mehr als ein Musical: moderne Verkündigung!“

Teilen heißt heilen: gelebte Nächstenliebe Menden-Lendringsen. Zum 100-jährigen Jubiläum der St.-Josef-Kirche in Menden-Lendringsen wurde dort 2010 erstmals das geistliche Spiel „Josef – lebe deinen Traum“ aufgeführt. Das Drängen der begeisterten Zuschauer nach einer neuen Produktion hat sich gelohnt: Mit dem Musical „Martin – mehr als der Mantel“ feierte Anfang November erneut ein Stück in der Pfarrkirche seine Premiere, das die St.-Josef-Gemeinde von A bis Z in Eigenregie verwirklicht hat. Ergänzt wurde es durch ein spannendes Kunstprojekt.

Vom Drehbuch der beiden Mendenerinnen Gisela Heitmann und Maria Neuhaus über die Musik von Uli Düllberg, Lehrer an der Mendener Musikschule, bis zum Bau und zur Gestaltung der Kulissen ist die Musical-Produktion eine große Gemeinschaftsleistung. Nicht zu vergessen die rund 30 Darstellerinnen und Darsteller, den Projektchor mit 18 Sängerinnen und Sängern und das 10-köpfige Techniker-Team.

An der Inszenierung wirkten zum Teil ganze Familien mit: Nicht nur die beiden Autorinnen Gisela Heitmann und Maria Neuhaus sind beispielsweise Schwestern, vielmehr standen ihre beiden anderen Schwestern als Schauspielerin beziehungsweise als Chorsängerin auf der Bühne.

Der soziale Abstieg bedroht die große Liebe: Jovian und seine Verlobte. Am 3. November 2012 wurde die Berufungsgeschichte des heiligen Martin in der bis auf den letzten Platz gefüllten St.-Josef-Pfarrkirche uraufgeführt. Im Zentrum stand die Frage, wie der römische Soldat Martinus zum christlichen Glauben gelangte und letztlich vom Volk zum Bischof Martin gewählt wurde. Alle Beteiligten setzten die wichtigsten Stationen aus der Vita des Heiligen mit ihrem Spiel, mit Liedern, Licht und Ton eindrucksvoll in Szene. Die Zuschauer wurden sowohl in die historische Wirklichkeit des 4. Jahrhunderts nach Christus „entführt“ als auch mit Witz und Bezügen zur Gegenwart unterhalten.

Die Kernaussage der Mantelteilung, mit der Liedzeile „Teilen heißt Heilen“ ausdrucksstark auf den Punkt gebracht, war eingebettet in eine fiktive Rahmenerzählung, in der nicht nur der Heilige als Protagonist im Vordergrund stand, sondern auch der Bettler als Mensch mit einem eigenen tragischen Schicksal: Jovian, am Anfang des Stückes selber durchaus ein wohlhabender Bürger, verliert sein gesamtes Hab und Gut – als Opfer reiner politischer Willkür des römischen Statthalters. Wegen seines Protestes gegen dieses Unrecht wird er zudem zum verfolgten Verbrecher.

Den römischen Soldat Martinus hingegen erwartet eine glänzende militärische Karriere, als er zum Offizier befördert wird und als sichtbares äußeres Zeichen dafür den kostbaren roten Offiziersmantel erhält. Doch statt als aufstrebender und ehrgeiziger Soldat wird Martinus als bescheidener und suchender Mensch gezeigt, der zur Zeit des erstarkenden Christentums innerlich die Sehnsucht nach einem ihn tragenden Glauben spürt. In einer zentralen Szene trifft Martinus auf seinen späteren Freund Liborius, der ihm die Botschaft des christlichen Glaubens verkündet.

Liborius verkündet in Nordgallien die Frohe Botschaft. Die beiden Erzählstränge von Jovian und Martin werden nach und nach zusammengeführt. Schließlich treffen sich beide Figuren – nicht wie Bettler und Offizier, vielmehr wie Mit-Menschen: Martin gibt nicht nur ein Stück wärmenden Stoff, er gibt seinem Nächsten auch Würde und Gerechtigkeit zurück.

Und auch für Martin als Gebendem wird deutlich: „Teilen heißt Heilen“. Denn sein Teilen war mehr als „nur“ die Rettung eines Menschenlebens, es war auch ein Risiko – bedeutete die „Zerstörung“ des staatseigenen Offiziersmantels doch auch ein Vergehen gegen den Kaiser. Trotzdem sagt Martin nach seinem Erlebnis mit dem Bettler: „Als ich äußerlich den Mantel teilte, fügte sich in meinem Inneren alles neu zusammen.“

Pfarrer Bernhard Brackhane zeigte sich am Schluss des Musicals begeistert von der bewegenden Inszenierung: „Wir haben heute im wahrsten Sinn des Wortes einen alten Stoff in neuem Gewand gesehen. Die immer geltende Botschaft, dass sich im Reich Gottes vermehrt, was man abgibt, ist hier lebendig geworden. Deswegen war das nicht nur ‚mehr als der Mantel’, es war auch ‚mehr als ein Musical’: Das war moderne Verkündigung!"

Jovian fordert nach seiner Rettung beim Kaiser seinen unrechtmäßig verlorenen Besitz zurück. Bereits von Beginn der Planungen an war das Projekt in der Tat „mehr als ein Musical“. Über die eigentliche Handlung hinaus sollte das Stück auf versteckte Armut in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Die beiden Autorinnen wissen von ihrer Arbeit an zwei Mendener Berufskollegs, dass auch in Lendringsen diese versteckte Armut spürbar ist. Besonders Kinder, von denen viele keine regelmäßigen Mahlzeiten zu sich nehmen oder keine angemessene Kleidung tragen können, haben darunter zu leiden.

Über diese Missstände sollte nicht länger der „Mantel des Schweigens“ gebreitet werden. Vielmehr wurde der Armut und Not im Musical der Mantel des heiligen Martin als „zeitloses Symbol für Mitmenschlichkeit und gelebte Nächstenliebe“ entgegen gesetzt, verbunden mit der Forderung: Auch heute braucht die Gesellschaft Menschen wie den heiligen Martin.

Äußerlich sichtbar gemacht wurde dies zusätzlich durch ein Kunstprojekt mit dem Hönne-Berufskolleg Menden, das an die Musical-Produktion gekoppelt war. Am Ende des Musicals heißt es: „Das Reich Gottes beginnt, wenn du dich mit-teilst“.

Bischof Martin hat seine Berufung gefunden, über ihm der Mantel aus dem Kunstprojekt des Hönne-Berufskollegs. Dieser Satz war die Anregung für ein Projekt mit den Schülerinnen der Klasse BTA 10 A, die am Hönne-Kolleg eine Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin machen: Rund 40 Mendener wurden gebeten, ein Kleidungsstück zu spenden, mit dem sie etwas Persönliches verbinden.

Dabei kamen interessante Stücke zusammen – vom Brautkleid über den Mantel aus dem Caritas-Kleiderladen bis zur Armani-Hose aus der Boutique. Die BTA-Schülerinnen fertigten daraus einen überdimensionalen Mantel, der in der Musical-Aufführung wie ein mächtiges Kreuz über dem Bühnenraum hing. Dazu ist ein Begleitheft erschienen, in dem die ganz individuellen Geschichten jedes einzelnen im großen Mantel verarbeiteten Kleidungsstückes erzählt werden.

So entstand ein „Mantel der Erinnerungen“. Pfarrer Brackhane: „Das Bistum Trier hat seinen ‚Heiligen Rock’, wir haben jetzt einen ‚Lendringser Rock’, der unser Gemeindeleben hoffentlich noch lange bereichern wird.“

Die Vorbereitungen für Musical und Kunstprojekt liefen seit Mai – ein gutes halbes Jahr, in dem die gemeinsame Arbeit vieles bewirkt hat: Ähnlich wie schon beim ersten Stück ist eine Gemeinschaft zusammengewachsen, die Generationen, Gemeinden und Verbände übergreift. In dieser Gemeinschaft hat jeder Beteiligte seinen Platz und seine Berufung gefunden. Ganz wie seiner Zeit der heilige Martin.

Fotos und Text: Maria Aßhauer

An allen Aufführungsterminen konnten die Besucher Spenden für einen guten Zweck tätigen. Der Erlös von insgesamt 2.500 Euro wurde am 12. Dezember 2012 an die Empfänger übergeben.

Sämtliche Hintergrundinformationen und aktuelle Meldungen sind nachzulesen auf der Homepage des Musical- und Kunstprojekts 

Diese Aktion wurde vom Erzbistum Paderborn über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.