Arbeit nah am Evangelium

Andreas Altehenger betreut mit seinem evangelischen Kollegen 170 männliche Insassen der JVA Hamm.Hamm. Dass für Theologen der Arbeitsplatz hinter dicken Mauern liegt, ist gar nicht so ungewöhnlich. Diplom-Theologe Andreas Altehenger arbeitet jedoch noch zusätzlich hinter Eisengitterstäben, und die Mauern gehören nicht zu einer Kirche, sondern zur Justizvollzugsanstalt Hamm. Dort ist der 54-Jährige seit 13 Jahren als Gefängnisseelsorger tätig und betreut gemeinsam mit dem evangelischen Kollegen rund 170 männliche Insassen. „Nirgendwo anders kann ich so nah am Evangelium arbeiten“, fasst Altehenger seine Tätigkeit zusammen. Der Katholik begleitet die Häftlinge, die sich in Haft immer auch in einer „existenziellen Situation“ befänden. Er hört ihnen zu und gibt ihren Sorgen und Ängsten einen Raum.  

Ohne Handy! Ohne Computer! Telefonate nur nach vorheriger Anmeldung  – ebenso wie Besuch. Die plötzliche Isolation im Gefängnis sorgt dafür, dass sich die Gefangenen früher oder später mit ihrer Situation auseinandersetzen müssen: Was habe ich getan? Wie konnte das passieren? Wie soll ich mit dieser Schuld leben? Während der Sozialdienst den Straftätern überwiegend organisatorische Hilfe bietet, ist Altehenger für eben diese Fragen Ansprechpartner. Es gibt keine bürokratischen Hürden, um mit dem Theologen in Kontakt zu treten. Ein kleiner Zettel mit dem eigenen Namen und der Bitte um ein Gespräch reicht aus. Das Besondere: Dieses Gespräch ist unter vier Augen und unterliegt der Schweigepflicht! Eine Grundvoraussetzung, um Vertrauen aufzubauen. Im Büro des Seelsorgers, wo Plätzchenausstecher mit Kirchenmotiv auf den Gitterstäben im Fenster stehen, muss niemand eine Maske tragen. Manchmal fängt so auch der Breitschultrigste an zu weinen. „Vielen fällt es schwer mit Emotionen umzugehen oder sich einzugestehen, dass sie jemanden zum Reden brauchen“, weiß Altehenger. Im Gefängnis fehlt es immer an allem: Tabak, Kaffee, Liebe und Worte, die gut tun. Die Frage nach einer Tasse Kaffee oder ein bisschen Tabak für ein „paar Drehungen“ sind da schon mal der Einstieg in ein Gespräch, um zu sehen, ob man mit dem Seelsorger auch reden kann.

Andreas Altehenger, der auch Familienvater ist, weiß um die Straftaten seines Gegenübers. Doch für ihn ist die Tat nur Teil des Menschen. „In erster Linie sehe ich immer den ganzen Menschen und erst dann, dass dieser Mensch eine Straftat begangen hat.“ Manchmal fragen selbst die Häftlinge, wie er es aushalte, für alle die „seelische Müllhalde“ zu sein. Doch Altehenger achtet auf die erforderliche Distanz. In der Regel reicht die halbstündige Autofahrt in seine Heimatstadt Werl aus, um den nötigen Abstand zu bekommen. Nur so ist es möglich, diese Arbeit über so viele Jahre auszuüben. Manche Bilder lassen aber auch ihn nicht los - etwa wenn Inhaftierte ihre Straftat beschreiben. Dann ist er froh über das "Handwerkszeug", dass das Erzbistum Paderborn für alle Anstaltsseelsorger bereithält: kollegiale Beratung, ein regelmäßiger Austausch mit anderen Seelsorgern und Supervisionen.

Zur Arbeit des Gefängnisseelsorgers gehört auch die Vorbereitung und Durchführung des Gottesdienstes, der jeden Sonntag im Wechsel mit dem evangelischen Gottesdienst stattfindet. Zwischen zwanzig und dreißig Häftlinge besuchen regelmäßig den Wortgottesdienst - zu den Feiertagen sind es häufig über vierzig. Manchmal gelingt es, während der Haft Glaubenserfahrungen aus der eigenen Biografie zu reaktivieren und daran anzuknüpfen oder den Glauben ganz neu zu entfalten, weil die Straftäter plötzlich Stabilität und Zuversicht spüren. Das Wissen, Gott vergibt mir, auch wenn andere mir nicht vergeben können, hilft ihnen auf ihrem Weg.

Text & Foto: Benjamin Meyer