Den Kirchenraum erfahrbar machen

Linda Menniger (links) beginnt ihre Führung durch die Herz-Jesu-Kirche vor dem großen Hauptportal. Herne. „Das sind sprechende Steine“, meint Linda Menniger und legt ihre Hand auf den rauen Ibbenbürener Sandstein der Herz Jesu-Kirche. Der ehrenamtlichen Kirchenführerin der Gemeinde im Pastoralverbund Herne-Süd ist es ein Anliegen, die Kirche theologisch und spirituell für ihre Zuhörerinnen und Zuhörer erfahrbar zu machen. Es ist diese besondere Beziehung zu dem Sakralen des Kirchenbaus, die Linda Menniger ihrem Publikum nahe bringen möchte.

Die 29-Jährige hat in Bochum Theologie und Italienisch studiert und schreibt zurzeit an ihrer Doktorarbeit im Fach Italienisch. Für sakrale Kunst und Architektur interessiert sie sich schon lange. Nach einer Weiterbildung von November 2010 bis März 2011 erhielt sie das Zertifikat „Kirchenführer/in im Erzbistum Paderborn“.

Draußen, vor dem großen Hauptportal der Herz Jesu-Kirche, beginnt ihre Führung. Die Gruppe der Zuhörer steht im Halbschatten der Platanen, von der die dreischiffige neugotische Basilika umgeben ist. „Die Kirche ist kein Museum“, betont Linda Menniger zu Beginn. Sie referiert nicht in erster Linie Daten über Historie und Baustil der Herz Jesu-Kirche, sondern lädt ihr Publikum dazu ein, die Kirche im Wortsinn zu begreifen. Der Weg führt zunächst außen um das Gebäude herum, wodurch dessen Ausmaße besonders deutlich werden. 900 Menschen können in dieser Kirche Platz finden. Vor einer Glocke hinter der Kirche berichtet Linda Menniger von den Zerstörungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg, vom Brand des Südturms 1943 und der Bombe, die 1944 das Rosettenfenster bersten ließ. Eine ältere Besucherin erinnert sich noch an den Anblick des brennenden Kirchturms in ihrer Kindheit.

Die ehrenamtliche Kirchenführerin Linda Menniger möchte ihren Zuhörern besonders die theologischen und spirituellen Dimensionen des Kirchenraums nahe bringen. Beim Betreten des Kirchenraumes lädt Linda Menniger die Besucher dazu ein, sich zunächst einen Ort zu suchen, der sie besonders anspricht und dort zu verweilen. Als Anregung zu einer kurzen Meditation verteilt sie kleine Zettel mit Bibelzitaten. Als die Gruppe sich wieder zusammen findet, bemerkt ein Mann, dass der Blick in dieser Kirche automatisch nach oben zur Kuppel gezogen werde. „Es ist eine zum Himmel strebende Architektur, die auf das himmlische Jerusalem verweist; ein typisches Merkmal der Gotik“, erläutert Linda Menniger. Dann fordert sie die Besucher auf, bewusst die 50 Meter vom Eingang im Westen bis zum Altar im Osten zu durchschreiten. Sie erklärt die Symbolik dieser Ausrichtung der Kirche hin „zur aufgehenden Sonne, zum auferstandenen Christus.“

Vor der Altarapsis, dem „Erinnerungsraum, Handlungsraum und Hoffnungsraum“, erfahren die Besucher Details über die Fenster des Künstlers Jupp Gesing mit den Darstellungen der Sakramente. Linda Menniger verweist auf die Darstellung des gekreuzigten Christus im mittleren Fenster über dem gotischen Hochaltar von 1921. „Christus am Kreuz blickt den Betrachter an“, beschreibt sie eine Besonderheit dieser Darstellung.

Sie erläutert weiter, wie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der neue Altar vorne im Altarraum seinen Platz fand: „Die Architektur folgte der Neuinterpretation des Glaubens.“ Am Taufstein angekommen endet ihre Führung. Sie beantwortet Fragen und weist noch darauf hin, dass die Kirche dienstags bis sonntags von 15 bis 17 Uhr immer offen ist.

Zwei bis drei Kirchenführungen bietet Linda Menniger pro Jahr an, eine davon immer am Tag des Offenen Denkmals im September. Auch spezielle Führungen für Kinder hat sie schon gestaltet. „Dabei können die Kinder die Kirche sinnlich erfahren, über Gerüche, Klänge oder indem sie die Höhe mit einem Gasballon ausmessen.“

Beim Gang um die Herz-Jesu-Kirche in Herne bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kirchenführung unter anderem einen Eindruck von den Ausmaßen des Gebäudes. Das Fortbildungsangebot für Kirchenführer an dem Linda Menniger teilgenommen hat, wurde gemeinsam entwickelt und geleitet von der Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung im Erzbistum Paderborn (KEFB), vom Erzbischöflichen Diözesanmuseum und vom Institut für Religionspädagogik und Medienarbeit im Erzbistum Paderborn (IRUM). Informationen dazu gibt das Liborianum, Tel. (0 52 51) 1 21 44 54.

Fotos und Text: Michael Bodin

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