Berufungen weitergeben, Begeisterung teilen

Anfängliche Skepsis wich der Faszination: Die Kinder hatten bei den Bienen von Imker Bernhard Klösener keine Berührungsängste. Hövelhof. Vormittags Schule, nachmittags Fußball oder Ballett, abends Klavier- oder Geigenunterricht: Schon Kinder haben heute oft einen vollen Terminkalender. Das bekommt auch die Kinder- und Jugendpastoral zu spüren: Für regelmäßige Angebote der Kirchengemeinden oder Verbände bleibt oft wenig Zeit. „Gleichzeitig ist bei vielen Kindern der Wunsch nach Gemeinschafts-Erlebnissen im Alltag noch spürbar“, berichtet Vikar Matthias Kamphans aus seiner Seelsorge-Praxis im Pastoralverbund Hövelhof. „Eine projektbezogene Jugendarbeit, die sich über einen überschaubaren Zeitrahmen erstreckt, hat durchaus Potenzial.“ Seit 2011 gibt es deshalb im Pastoralverbund die „Kinderakademie Hövelhof“.  

Wo „Akademie“ drauf steht, ist jedoch keineswegs Pauken oder Stillsitzen drin: Vielmehr geht es darum, dass Erwachsene ihr Wissen, vor allem aber ihre Begeisterung für etwas an Kinder weitergeben. Aber der Reihe nach. 2011 hatte Erzbischof Hans-Josef Becker die „Pastoral der Berufung“ auf den Weg gebracht und damit an die Charismen jedes einzelnen Gläubigen appelliert. Vikar Matthias Kamphans und Gemeindereferent Bertold Filthaut aus dem Pastoralverbund Hövelhof ließen sich dadurch zu einer Idee inspirieren: Sie initiierten in den Gemeinden viele Aktionen zu der Frage „Was ist mein spezifisches Talent?“, das es nicht zu begraben gilt, vielmehr zu pflegen.

Theresa Graylish half den Kindern, eine Kerze aus Bienenwachs zu drehen. Um diese Talente für den ganzen Pastoralverbund zu nutzen, wurde in Kooperation mit dem katholischen Familienzentrum Hövelhof die „Kinderakademie“ ins Leben gerufen: Hier gelangen Kinder und Jugendliche seitdem regelmäßig in Austausch mit Erwachsenen in deren Berufswelt oder mit deren spezifischen Talenten und Berufungen. So entsteht christliches Miteinander an Orten, an denen man es nicht zuerst vermutet: egal, ob beim Deutschen Roten Kreuz, auf dem Friedhof, in der Bäckerei, beim Koch- oder Fotokurs, bei der Feuerwehr, auf dem Bauernhof …

Oder auch beim Imker. Anfang Juni 2012 waren rund 15 Kinder zu Gast bei Bernhard Klösener, seines Zeichens Hobby-Imker. Die Begeisterung für die Imkerei ist bei Klösener mit Händen greifbar: Hier lebt jemand sein Hobby als Berufung. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, die Anfrage von Vikar Kamphans anzunehmen und eine Veranstaltung für die Kinderakademie zu organisieren: „Viele wissen gar nicht um die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Biene“, erklärt der Vorsitzende des Imker-Vereins Hövelhof. „Selbst Albert Einstein sagte: ‚Stirbt die Biene, stirbt irgendwann auch der Mensch.’ Die Biene ist also ein ganz wichtiger Teil in Gottes Schöpfung. Und ein solches Wissen muss an den Nachwuchs weitergegeben werden.“

Unterstützung bei seinen Erklärungen erfuhr Bernhard Klösener durch Theresa Graylish und Hubert Schmidt, beide langjährig als Imker aktiv, sowie Christian König und Helena Schulte, seit zwei Jahren beziehungsweise einem Jahr Imker – ein Team mit einer ausgewogenen Mischung aus Nachwuchs und Erfahrung. Das zeigt, wie sehr die Begeisterung für etwas die Generationen vereinen kann.

Diese Begeisterung übertrug sich schnell auf die kleinen Akademie-Besucher: In Kleingruppen passierten die Kinder verschiedene Stationen, die das Imker-Team vorbereitet hatte. Am Schaukasten konnten sie Bienen live bei der Arbeit beobachten. Christian König lieferte dazu faszinierende und kindgerechte Informationen. Die Chefin im Bienenvolk ist natürlich die Königin, die pro Tag bis zu 2.000 Eier legt. Was aber nur wenige wissen: Die Bienen leiten die Königin und nicht umgekehrt – eine Monarchie mit Basisdemokratie! Auch über die Tatsachen, dass Bienen bis zu drei Kilometer weit fliegen können, um Nektar zu sammeln, oder durch Tanzen miteinander kommunizieren und sich einen Wintervorrat anlegen, staunten die Kinder nicht schlecht.

Kostprobe: Der frisch geschleuderte Honig wurde sogleich probiert. Ganz praktisch wurde es dann an der Honig-Schleuder. Bernhard Klösener demonstrierte seinen Gästen, wie die Honig-Waben für den Schleuder-Gang vorbereitet und in die Schleuder gesteckt werden und wie dann der Honig mittels Zentrifugalkraft richtiggehend herausgeschleudert wird. Wenig später tropfte das Produkt des fleißigen Arbeitervolkes aus der Schleuder ins zweifache Sieb, um auch den letzten Rest von Wachs auszusondern. Natürlich ließen sich die Kinder nicht zweimal bitten, den süßen Honig direkt mit dem Finger zu probieren – Verkostung für Feinschmecker.

Dass die Imkerei auch Handwerk bedeuten kann, lernten die Kinder schließlich beim Zimmern eines Waben-Rahmens sowie beim Drehen einer Kerze aus echtem Bienenwachs. Der krönende Abschluss der Akademie-Sitzung war aber eindeutig erreicht, als den Kindern die ungefährlichen männlichen Bienen auf die Hand gesetzt wurden. Die anfängliche Skepsis der jungen Akademie-Schüler, die sich in unsicheren Fragen wie „Stechen die wirklich nicht?!“ äußerte, wandelte sich schnell in Faszination: „Darf ich die mit nach Hause nehmen?“ Sogar Namen wurden den fleißigen Bienchen gegeben: „Ich nenne meine Mr. Bean!“ rief ein Kind begeistert aus. Auch wenn hier wohl eher an den Komiker gleichen Namens gedacht wurde, überzeugt die Namensgebung lautlich doch trotzdem gleich in doppelter Hinsicht, denn sowohl das englische „Mr. Bee-n“ als auch das Deutsch-Englische „Mr. Bien“ macht als origineller Name Sinn…

Auch Vikar Matthias Kamphans zeigte sich in Eintracht mit den Bienen. Vikar Matthias Kamphans freute sich über die gelungene Veranstaltung und dankte dem Imker-Team stellvertretend für alle anderen Mitwirkenden bei der Kinder-Akademie: „Wir haben so viele Leute, die ihre Talente und ihre Begeisterung einbringen. Damit ermöglichen wir den Kindern, was sie sonst womöglich nie sehen würden. Aber das Schöne an unserem Konzept ist die Zweiseitigkeit: Die Kinder können Einblick nehmen in ganz unterschiedliche Bereiche des Alltags. Aber auch diejenigen, die ihre Erfahrung geben, indem sie von sich erzählen, erhalten etwas: die Vergewisserung ihrer eigenen Berufung. Beide Seiten sind also zugleich Gebende und Empfangende. Das ist eine tolle Erfahrung!“  

Übrigens: „Mr. Bean“ und seine Freunde durften tatsächlich mit den Kindern den heimatlichen Bienenstaat verlassen – aber da ihre Flügel sie ja auch zum Nektarsammeln weit tragen, haben sie vielleicht den Weg zurück nach Hause gefunden…

Text und Fotos: Maria Aßhauer

Diese Aktion wurde vom Erzbistum Paderborn über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.