„Verlebendigung von Kirche“

Monsignore Ullrich Auffenberg feierte mit den Besuchern der „Kirche am See“ einen Gottesdienst zum Thema „Über sieben Brücken musst du gehen…“. Soest/Möhnesee. Einen Spaziergang am See machen und dabei plötzlich auf eine Gemeinde treffen, die am Ufer Gottesdienst feiert? Im Kurpark Möhnesee-Körbecke kann das jeden Sonntagvormittag passieren. Die „Kirche am See“ unter der alten Eiche, wie das regelmäßige Gottesdienstangebot des Pastoralverbundes Soest und der Pfarrei Zum Guten Hirten Möhnesee heißt, ist sogar darauf angelegt, dass zufällige Spaziergänger fragend stehen bleiben, vielleicht aus der Distanz beobachten oder sich zur Gottesdienstgemeinde gesellen und mitfeiern. „Kirche mit offenen Strukturen“ nennen die Initiatoren das.  

Was aber ist die „Kirche am See“? Ein Kirchengebäude sucht man hier vergeblich. Vielmehr dient eine alte, große Eiche am Ufer des Möhnesees im Sommerhalbjahr jeden Sonntagvormittag als regelmäßiger Treffpunkt für besonders gestaltete, „erlebnisorientierte“ Gottesdienste, die keine „Schwellenängste“ aufkommen lassen: keine verschlossenen Kirchentüren, hinter denen sich eine untereinander bekannte Gemeinde versammelt, stattdessen eine offene Wiese am Seeufer, wo Jung und Alt in immer wieder neuen Konstellationen zusammenfinden. Die Eiche spannt ihre mächtigen Äste über die Gemeinde wie eine „richtige“ Kirche aus Steinen ihr Gewölbe – nur dass hier der Blick zum Himmel im wahrsten Sinn des Wortes offen ist. Hier entsteht immer wieder ein neuer pastoraler Ort in freier Natur.

Erneut hatten sich zahlreiche Teilnehmer bei der „Kirche am See“ unter der mächtigen, alten Eiche am Ufer des Möhnesees als Gottesdienstgemeinde zusammengefunden. Monsignore Ullrich Auffenberg, Pastor in der Pfarrei Zum Guten Hirten, ist einer der Initiatoren der „Kirche am See“. Ein Großteil der Gottesdienste wird von ihm gefeiert. „Mit unserem Projekt bieten wir eine Alternative zum klassischen Gottesdienstangebot für jene Gemeindemitglieder, die den Wunsch nach lebendigen und kommunikativen Messen verspüren“, erklärt er. „Dazu zählen viele Jugendliche und junge Erwachsene. Wir möchten aber ausdrücklich auch touristische Gäste ansprechen, die am Möhnesee Urlaub machen oder zu Gast sind. Kurzum: Unsere ‚Kirche am See’ ist eine Einladung zum lebendigen Christsein für jedermann unter freiem Himmel.“ Wenn das Wetter einmal nicht mitspielt, entsteht unter Regenschirmen oder Zeltdächern eine ganz besondere Gottesdienstgemeinschaft. Nur, wenn es gar nicht anders geht, dient die St.-Pankratius-Kirche in Körbecke als Ausweichpunkt.

Am zweiten Sonntag im August meinte es das Wetter jedoch besonders gut – nicht nur mit den zahlreichen Gottesdienstbesuchern, sondern auch mit den Gästen des Brückenfestes, das in diesem Jahr vom 10. bis 12. August am Möhnesee gefeiert wurde. Passend zu diesem Freiluft-Festival stand der Gottesdienst der „Kirche am See“ unter dem Motto „Über sieben Brücken musst du gehen…“ Die Mitglieder der Musikgruppe SacreChor, die den Gottesdienst musikalisch und inhaltlich gestaltet hatten, betrachteten die sieben Brücken des Möhnesees und deuteten sie als Sinnbild für unser Leben: Die längste Brücke, auf welcher der Verkehr in hoher Geschwindigkeit über den Möhnesee fließt, könne zum Beispiel vergegenwärtigen, das Leben zu entschleunigen; die Sperrmauer könne durch ihre wichtige Funktion des Wasserspeicherns an den Dienst am anderen und für andere erinnern; die Kanzelbrücke dagegen könne symbolhaft zur Besinnung einladen.

Monsignore Ullrich Auffenberg am eigens für die „Kirche am See“ gestalteten Altar. Auch das Kreuz wurde speziell für die Freiluft-Gottesdienste angefertigt. Msgr. Ullrich Auffenberg machte in seinem Predigtgespräch, bei dem er sich mitten in die Gemeinde begab, eine weitere Brücke zum Thema, und zwar die Verbindung zwischen Himmel und Erde, die man auf vielfältige Weise erleben könne: „Unser irdisches Glück, und sei es noch so groß, reicht letztlich nie aus. Der Himmel gehört immer dazu“, so Auffenberg. „Und gerade, wenn das irdische Glück bei jemandem nachlässt, beispielsweise im Alter, in Krankheit oder im Sterben, können wir ihm durch unsere Beziehung und Begleitung ein Stück vom Himmel bringen. Diese Brücke, für jemand anderen den Himmel sichtbar zu machen, ist in jeden von uns eingepflanzt.“

Bei jedem Gottesdienst am Möhnesee sind bis zu 80 Menschen am Aufbau beteiligt: Bänke und Fahnen müssen aufgestellt, die Technik eingestellt, der von einem einheimischen Künstler eigens für die Freiluft-Messen gestaltete Altar aufgebaut und geschmückt sowie das ebenso selbst gestaltete Kreuz zwischen den Ästen der Eiche aufgehängt werden. Darüber hinaus wird jeder Gottesdienst von wechselnden Gruppen aus den Gemeinden vorbereitet und musikalisch gestaltet. „Dadurch lernen sich die Menschen und Gruppen unseres bald entstehenden neuen pastoralen Raumes untereinander kennen und bewegen sich schon jetzt aufeinander zu“, so Msgr. Auffenberg zu einem weiteren Effekt des gemeinsamen Projekts. „Außerdem werden die Menschen in unseren Gemeinden durch unser Projekt aktiv in die Seelsorge mit hinein genommen. Das ist eine Verlebendigung von Kirche.“

Das Projekt wurde bereits im Sommerhalbjahr 2011 von Mai bis Oktober erprobt – mit großem Erfolg: zwischen 150 und 700 Besucher fanden im letzten Jahr den Weg an das Ufer des Möhnesees, um dort Eucharistie zu feiern, rund ein Drittel davon Gemeindemitglieder, die auch das klassische Gottesdienstangebot nutzen, ein Drittel Menschen, die eher kirchenfern sind und ein letztes Drittel Teilnehmer, die teilweise auch von weit her angereist sind. Auch im Winterhalbjahr müssen die Gäste der „Kirche am See“ auf ein Gottesdienstangebot mit etwas anderer Akzentuierung nicht verzichten: Zwar wird dann nicht mehr unter freiem Himmel gefeiert, dafür aber an jedem dritten Samstag im Monat im „Brennpunkt Kirche“ „in Licht und Farbe“ in der St.-Albertus-Magnus-Kirche in Soest. Inhaltlich geht es auch hier um aktuelle Themen. Anstelle des Naturerlebnisses am See entsteht hier eine ganz besondere Atmosphäre von Licht und Musik.

Brot und Wein inmitten der Gottesdienstgemeinde Sowohl über der Freiluft-Saison der „Kirche am See“ als auch über dem Winterhalbjahr mit dem „Brennpunkt Kirche“ steht das Jahresthema 2012 „Aufbruch ins HEUTE“. Dieser ist jedoch nicht nur als Aufbruch ins Modernere oder Zeitgemäßere zu verstehen, vielmehr auch als Hinwendung zum bewussten Leben im Hier und Jetzt oder, wie Msgr. Ullrich Auffenberg es in seinem Gedicht auf dem Programm-Flyer des Gottesdienstangebots formuliert, „in den Sonntag der Freiheit, der Weite des Horizonts, zum See der sich glättenden Wogen, der abfließenden Sorgen und Nöte, zum Baum der Gemeinschaft, dem Dach aus Zweigen und Blättern, dem Stamm verwurzelt in der Tiefe des Lebens, in Gott begründet, gehalten …“

Text und Fotos: Maria Aßhauer