Weit geöffnete Türen

Glaube muss Hand und Fuß haben: Gottesdienst-Teilnehmer setzen das Motto in die Tat um. Bad Arolsen/Mengeringhausen, 24. September 2012. Wo wird Gott in Zukunft wohnen? Dieser Frage ging die katholische Kirchengemeinde St. Johannes Baptist in Bad Arolsen zwei Wochen lang in einer ProjektKirche nach. Die Filialkirche St. Peter und Paul in Mengeringhausen wurde leer geräumt und die Türen weit geöffnet: Zahlreiche Veranstaltungen luden alle Menschen der Region ein, sich zu begegnen und dem Geheimnis Gottes auf die Spur zu kommen. „2.500 Menschen nahmen an unseren Veranstaltungen teil“, zeigte sich Gemeindereferentin Petra Stadler begeistert.

Angefangen hatte alles vor zwei Jahren auf einer Klausur des Pfarrgemeinderates. Ohne Rücksicht auf personelle und finanzielle Ressourcen durften Phantasien gesponnen werden. Dazu gehörte auch die Idee einer Sommerkirche – so hieß sie damals noch. In zwei Jahren Arbeit konkretisierte sich das Projekt langsam. Und als zum ersten Mal im letzten Winter die Filialkirche wegen horrender Heizkosten geschlossen blieb, stellte sich die Frage nach „Gottes Wohnung“ mit neuer Dringlichkeit.

Schon bevor die „ProjektKirche“ nach den diesjährigen Sommerferien startete, hatten sich evangelische Kindergärten im Rahmen eines Wettbewerbs die Frage gestellt: „Wo wohnt Gott?“ Die Werke von Gruppen und einzelnen Kindern wurden in den Sommerferien in Geschäften und in der Pfarrkirche in Bad Arolsen ausgestellt und konnten von Besuchern bewertet werden. Im Rahmen der „ProjektKirche“ fand eine Preisverleihung statt.

Gott in unserer Mitte erfahren: Im Meditationstanz begegnen Schülerinnen und Schüler der Nicolai-Grundschule anderen Formen der Spiritualität. Auch Schulklassen nutzten an den Vormittagen die „ProjektKirche“ Dort konnten sie die Kirche erkunden, meditative Tänze einüben, Kreuze bemalen, Schlickerbilder gestalten und ihre Vorstellung von Gott mit Kreide auf dem Kirchplatz oder Farbe auf Stoffbildern fixieren. Spannend waren die Diskussionen über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg: Denn ein Kreuz schied als Symbol aus, wenn die muslimischen Kinder das Bild mitgestalten sollten. So entstand ein Herz, in dem die Sonne scheint, ebenso wie eine Erdkugel, von Licht umstrahlt und zwei Händen gehalten.

Jugendliche einer Firmbewerber-Gruppe gaben eine eindrucksvolle Antwort auf die Frage nach Gottes Wohnung. Sie bauten eine Slumhütte aus Müll, den sie vorher bei einem Entsorgungsunternehmen gesammelt hatten. Ihre Antwort: Gott wohnt bei den Armen, bei rund 1 Milliarde Menschen, die in Slums leben. Passend dazu befassten sich auch die Mitarbeiterinnen der Caritas-Konferenzen im Dekanat Waldeck mit dem Motto der Heiligen Elisabeth auf ihrem Besinnungstag: Gott wohnt bei den Armen!

Die Diakonie ist die Basis allen kirchlichen Handelns: Pfarrer Franz Meurer aus Köln stellt im Gespräch mit Pfarrgemeinderats-Vorsitzender Leonie Jedicke seine sozialen Projekte vor. Diesen Titel wählte auch Pfarrer Franz Meurer aus Köln, der in Höhenberg und Vingst spektakuläre soziale Arbeit leistet und in die „ProjektKirche“ zu einer Diskussion kam. Ganz anders stand die Soziallehre im Mittelpunkt, als der Sozialethiker Professor Günter Wilhelms von der Theologischen Fakultät Paderborn einen Vortrag zur Entweltlichung von Kirche hielt.

Auch die Auseinandersetzung mit anderen Religionen fand ihren Platz in der „ProjektKirche“: Professor Eckhard Bangert, selbst buddhistischer Mönch, stellte den Buddhismus aus religionswissenschaftlicher Sicht dar, Frau Professor Ursula Spuler-Stegemann den Islam. Beide Vorträge trugen zum toleranten Verstehen der anderen Weltreligionen ebenso wie zur Wahrnehmung der Unterschiede bei.

Aber auch dem eigenen Glauben konnte vertiefend nachgegangen werden: Ein Glaubenskurs angelehnt an den Vallendarer Kurs „Das Feuer neu entfachen“ wurde angeboten, ebenso wie meditative Tänze und das Umsetzen von biblischen Texten und Musik in Körpersprache. Die göttliche Energie im Menschen wurde beim japanischen Heilströmen entdeckt.

Viele Menschen erfahren in der Musik Gottes Nähe. So gab es ein Flötenkonzert des Bad Arolser Flötenensembles, ein Konzert von Didgeridoo und Gitarre, Trommel- und Mitsing-Workshops und ein Abschlusskonzert der christlichen Popsängerin Judy Bailey, die mit ihrem Mann sehr persönliche Geschichten aus ihrem Buch las und dazu Lieder sang.

Auf dem Weg zum ökumenischen Schöpfungsgottesdienst: Spielerisch konnten Kinder die Schöpfung erfahren. Das Statttheater Mengeringhausen präsentierte ihr Stück „Georg – Ritter und Heiliger. Wider den Verführungen des Bösen“. Täglich konnten die Kinder der Umgebung zum Spielen kommen, die Familien zum Kaffeetrinken. Betreut wurden die Kinder von der Firmbewerber-Gruppe „Zeit für Kids“.

Zentral waren natürlich die Gottesdienste. Täglich gab es ein Morgen-, Mittags- und Abendgebet. Beim Einführungsgottesdienst verdeutlichten die Feiernden, dass Glaube Hand und Fuß haben müsse und setzten dies bildlich durch ihre farbigen Hand- und Fuß-Abdrücke um. An einem Samstag fand eine Schöpfungswanderung – von KjG und Kindergottesdienst-Kreis gestaltet – statt, die in einem ökumenischen Gottesdienst mit Schulchören gipfelte.

Dass die Kirche nach diesen zwei Wochen so gut gelüftet war wie schon lange nicht mehr, bemerkten viele Gemeindeglieder. „Neben der frischen Luft ist auch Gottes Geist spürbar geworden“, war sich Pfarrgemeinderats-Vorsitzende Leonie Jedicke sicher. Alle Mitwirkenden erhielten ein Päckchen Streichhölzer mit einem Foto aus der „ProjektKirche“ und dem Segenswunsch „Möge das Feuer der ‚ProjektKirche’ in dir weiter brennen!“

Fotos und Text: Leonie Jedicke