Offene Seniorenarbeit im Schrebergarten

Gemeindereferentin Irmgard Paul (Mitte) lädt Seniorinnen und Senioren zu offenen Gesprächen in ihren Schrebergarten ein. Schwerte. Die Kleingartenanlage "An der Amsel" in Schwerte ist eine typische Schrebergartenanlage. Auf den ersten Blick sticht auch der Garten Nummer 65 nicht hervor: Nutz- und Zierpflanzen halten sich zahlenmäßig die Waage, der Pflegezustand ist sehr ordentlich. Und doch ist diese Parzelle etwas Besonderes. Irmgard Paul, Gemeinderefentin der katholischen Kirchengemeinde St. Marien, hat den Garten 2012 gepachtet. Sie stellte ihre Oase jetzt schon zum zweiten Mal in den Sommermonaten nachmittags als Ort der Begegnung für vorwiegend ältere Schwerterinnen und Schwerter zur Verfügung.

Und die kamen reichlich, manche sogar in Gruppen. Seniorinnen und Senioren trafen in dem grünen Rückzugsraum in der Nähe der Rohrmeisterei auf Gleichgesinnte: "Ich habe an allen Öffnungstagen den Kaffeetisch unterm Kirschbaum gedeckt, irgendjemand kam immer", sagt Irmgard Paul. Und sei es eine betagte Garten-Nachbarin, die sich über die neue fußläufig erreichbare Gelegenheit zum Gespräch sehr freute.

"Die älteren Menschen suchen hier nicht unbedingt etwas Kirchliches, aber sie wissen, dass dies ein Angebot der Kirche ist", sagt Irmgard Paul, die niemanden nach Konfession oder Weltanschauung fragt. Jede(r) ist willkommen – offene Seniorenarbeit eben. Behutsam lenkt Irmgard Paul die sich oft zaghaft entwickelnden Gespräche, ihre Erfahrung als langjährige Krankenhaus- und Psychiatrie-Seelsorgerin kommt ihr dabei sehr zugute. "Hier wird ganz viel Biographie-Arbeit geleistet", stellt sie fest. "Die Seniorinnen und Senioren kommen oft erst im Alter so zur Ruhe, dass Sie sich an die guten wie die schlechten Dinge in ihrem Leben erinnern. Das will dann verarbeitet werden." Ein Besucher hatte gerade einen Sterbefall in nächster Umgebung, er muss sein eigenes Leben neu sortieren. "Da kommt man 'vom Hölzken aufs Stöcksken', von einer welken Büte zur eigenen Sterbevorsorge – und findet hier im Garten womöglich jemand Gleichaltrigen, der beraten oder trösten kann."

Irmgard Paul kochte Kaffee, servierte Kuchen und moderierte kaum merklich den Erfahrungsaustausch ihrer Gäste, stellte Kontakte her oder hörte geduldig zu. "Dass ich das mit meinem Terminkalender so geschafft habe, habe ich auch dem enormen Rückhalt in unserem Gemeinde-Team mit Pfarrer Iwan und den Kolleginnen zu verdanken", betont sie.

Dass ihr Garten Nummer 65 rollatorgerecht ausgebaut ist, alle Wege befestigt wurden und die Parzelle ausgeschildert ist, verdanken Gastgeberin und Gäste den Schwerter Pfadfindern. Die hatten in einem 72stündigen Abeitseinsatz tüchtig Hand angelegt – und erkundigen sich laufend, ob noch alles in Ordnung ist. "Also spielt mein Gärtchen inzwischen auch eine generationenübergreifende Rolle", freut sich Irmgard Paul.

Jetzt gehört die Parzelle Nummer 65 wieder der Familie Paul und ihren Gartengenossen- Dazu zählt auch "Oskar": Der grüngelb schillernde Frosch im Gartentümpel hat nun seine Ruhe – bis Juni 2014.

Foto und Text: Martin Krehl